Gartenstadt Nord

Ein (fast) vergessenes Kölner Veedel

Am Donnerstag, den 19. April 1956 steht im Kölner Stadt-Anzeiger:
Neuer Stadtteil „Gartenstadt Nord“ im Aufbau.
Wohnungen für 23.000 Menschen – 920.000 qm Gelände werden erschlossen: Weit fortgeschritten ist bereits die Erschließung des Geländes, das in drei Abschnitten durch 16 Wohnungsgenossenschaften und zahlreiche Einzelbauherren bebaut werden soll.
...die Planung für die „Gartenstadt Nord“ entstand aus dem Wunsch, möglichst vielen Bürgern den Erwerb eines Eigenheims zu ermöglichen.
...als vorherrschenden Bautyp dürfte sich das Reihen-Einfamilien-Haus bewähren, das nur Grundstücke von 250–350 qm beansprucht.
...die neue Erschließungsstraße – vielleicht werden die Stadtväter sie Wilhelm-Sollmann- und Johannes-Rings-Straße nennen...“
Am Samstag, den 1. Dezember 1956 ebenfalls im Kölner Stadt-Anzeiger: „Köln am Ölstrom der Welt“
Erster Spatenstich zur neuen Esso-Raffinerie Anfang 1957
Vier deutsche Ingenieurfirmen und eine amerikanische Ingenieurfirma haben mit der Ausarbeitung der Konstruktionspläne für die Raffinerie begonnen.
In dieser Woche, am 27. November sind die Verträge unterschrieben worden.“
Am Dienstag, den 9. Juli 1957 schreibt der Kölner Stadt-Anzeiger: „Nur der Schuhmacher fehlt. Nördliche Satellitenstadt im Ausbau – in zwei Jahren: 30.000 Einwohner“ …mit einem Foto der Reihenhäuser der Johannes-Dech-Straße.

Wie wir seit dem Frühjahr 1957 in unserem Haus in der Johannes- Dech- Straße wohnten, war plötzlich unsere kleine Tochter Brigitte von fast drei Jahren aus unserem Garten verschwunden. Ich suchte sie und sie kam gerade aus dem Neubau der Mietshäuser August-Haas-Straße. Die Schuhe waren voller Kalkmatsch. Ich fragte, warum sie weggelaufen ist und sie antwortete sehr verwundert – so als ob ich es hätte wissen müssen: „Ich muss doch die Häuser gucken“!
Das war nämlich sonntags die Freizeitbeschäftigung: Eine Wanderung mit viel Interesse durch unsere entstehende „Gartenstadt Nord“. Unterwegs traf man die anderen „Bauherren“. Bei den Besichtigungen unserer Häuser und Neubauten blieb so mancher Schuh im Morast stecken und beim nächsten Schritt war der Fuß im Matsch versunken.
Die „Gartenstadt Nord“ wurde für ganz viele Menschen zur neuen Heimat. Eine der Baugesellschaften war treffenderweise die „Neue Heimat“.
In einem Teilabschnitt der „Gartenstadt Nord“ entstand ab 1956 auch die bekannte „Katholikentagssiedlung“, die viele Jahre zur kinderreichsten Siedlung Deutschlands zählte. Die Straßennamen erinnern an die Frauen und Männer, die Widerstand gegen die Nazis geleistet haben. Die Presse berichtete darüber und auch über den Zusammenhalt der neuen Bewohner mit ihrer großen Kinderschar. Untereinander wurde die Nachbarschaft sehr gepflegt und viel geholfen, manch ein privater Kreis entstand. Der Mittelpunkt war die Kirche St. Bernhard. Die katholische Gemeinde und viele Vereine waren sehr aktiv in geselligen und kulturellen Angeboten.
Ein Film entstand von Hans Deschamps 1963/64: „Die Katholikentagssiedlung“ Impressionen aus den ersten Jahren. Kommentiert und mit Musik unterlegt von Robert Esser im Jahr 2002 zeigt der Film ein Stück Zeitgeschichte.
2009 feierten die Bewohner das 50-jähriges Bestehen ihrer Siedlung und haben dazu eine eigene Festschrift heraus gebracht. Sie ist auch noch erhältlich. und erzählt viel Geschichtliches. Auch die Festschrift „25 Jahre St. Bernhard“ schreibt vom Werden, Wachsen und Wirken unserer Gemeinde.
Eine genaue Geschichtsdarstellung mit Daten über die Entstehung unserer „Gartenstadt Nord“ mit historischem Blick auf das „alte Longerich“ schrieb Hans Egon Meyer im Buch:„Nippes – gestern und heute“, das 1983 erschienen ist. Dem Buch entnahm ich, dass am 23. Oktober 1961 die 1. Straßenbahn der Linie 9 zur „Gartenstadt Nord – Longerich“ (Friedhof) fuhr. Die Rückfahrt unserer Straßenbahn ging zum Königsforst. Leider ist dieses Buch vergriffen.
Am 1./2. Mai 2004 wird auf einer Sonderseite im Kölner Stadt-Anzeiger ein Krimi von Brigitte Glaser vorgestellt, der in unserer Gartenstadt Nord spielt. „Verloren in Longerich“.
„Der siebzehnjährige Benny wird seit fünf Tagen vermisst, seine Freundin engagiert Orlando und List“ .
Nun wohne ich schon 54 Jahre hier und die damalige Namensgebung unseres Stadtteils „Gartenstadt Nord“ gerät bei den Behörden und den Neuzugezogenen immer mehr in Vergessenheit. Mit diesem Buch möchte ich die Erinnerungen wachrufen und habe mir von vielen Bewohnern ihre Erlebnisse und Schicksale erzählen lassen. Sie sind so lebendig wie auch unterschiedlich. Sie erzählen und zeigen mir Fotos, wie sie es geschafft haben, unsere „Gartenstadt Nord“ zur Heimat werden zu lassen. Ihnen gilt mein großer Dank.

„Unsere lebendige Gartenstadt Nord“ bleibt lebendig!


gartenstadt nord köln


gartenstadt nord köln

gartenstadt nord köln



UA-21183686-3